Pressemitteilung
07.11.2022

Fluch und Segen: Studie untersucht Zusammenhang zwischen digitalen Medien und Demokratien

Quelle von Desinformationen oder Plattform für Oppositionelle – digitale Medien können in einem politischen System unterschiedliche Rollen einnehmen. Eine Übersichtsstudie hat internationale Forschungsergebnisse ausgewertet und zeigt, wie digitale Medien Demokratien dienen, aber auch schaden können.

Berlin 7. November 2022. Der arabische Frühling und der Sturm auf das Kapitol in den USA stehen auch symbolisch für die Wirkung und Rolle digitaler Medien. Während 2010 soziale Medien in einigen arabischen Ländern als Treiber für Reformen und die Organisation von Oppositionellen hilfreich waren, haben eben diese Medien im Januar 2021 dazu beigetragen, die US-amerikanische Demokratie fast ins Wanken zu bringen, indem sie Hetze und Aufrufe zu Gewalt verbreitet haben. Doch wie genau wirken sich digitale Medien wie Messengerdienste oder Social-Media-Plattformen auf die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus? Sind digitale Medien förderlich für die Demokratie oder eher schädlich? Sowohl als auch, sagen Lisa Oswald, Doktorandin an der Hertie School, und ihre Ko-Autor:innen, die sich in ihrer Studie „Digital Media and Democracy: A Systematic Review of Causal and Correlational Evidence Worldwide“, mit dem Thema beschäftigt haben. 

Die Autor:innen haben für ihre Untersuchung Daten aus fast 500 wissenschaftlichen Artikeln analysiert, die weltweit zwischen 2001 und 2021 veröffentlicht wurden. Die Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen digitalen Medien und zehn politischen Variablen, zum Beispiel politischer Partizipation und Desinformation, um ein umfassendes Bild der komplexen Beziehung zwischen verschiedenen Formen digitaler Medien und der Demokratie zu zeichnen. 

Digitale Medien: Schädlich in etablierten Demokratien, hilfreich in aufstrebenden Demokratien

Laut den Autor:innen sind digitale Medien „ein zweischneidiges Schwert“, das sich je nach politischem System sowohl förderlich als auch schädlich auf die Demokratie auswirkt. Vor allem in aufstrebenden Demokratien und autoritären Staaten kann die Nutzung von digitalen Medien oft politische Beteiligung und Nachrichtenkonsum steigern. Hier können digitale Medien als Treiber für mehr Partizipation und Demokratie wirken. Dazu können digitale Medien politisches Wissen und Nachrichtenverbreitung fördern. Zum Beispiel zitieren die Autor:innen Beispiele aus Malaysia, wo sich die Verbreitung von W-Lan und Internetzugängen positiv auf die Beteiligung an politischen Parteien ausgewirkt hat. In den arabischen Ländern waren soziale Medien wie Facebook und Twitter anfangs hilfreich für Oppositionelle, um sich zu organisieren und zu Protesten aufzurufen. So gelang es zumindest eine Zeit lang, staatliche Zensur und Repressionen zu umgehen. Aktuell nutzt auch der ukrainische Präsident Selenskyi soziale Dienste, um über die Entwicklungen im Ukraine-Krieg aus ukrainischer Perspektive zu informieren und den oftmals Falschinformationen aus Russland kontra zu geben. Ebenso waren bis zu ihren Verboten Online-Nachrichten und soziale Medien häufig genutzte Quelle von Oppositionellen in Russland und Hongkong.

In etablierten Demokratien wie Deutschland oder den vielen OECD-Staaten zeichnet die Analyse hingegen ein gegenteiliges Bild. Hier sind digitale Medien nicht nur, aber häufig für demokratiefeindliche Entwicklungen verantwortlich. In diesen Gesellschaften befeuern sie oftmals abnehmen des Vertrauen in die Politik sowie die Verbreitung von Hass, Polarisierung, Fehlinformation und Populismus. Beispielsweise zeigen Studien, dass in Deutschland eine erhöhte Mediennutzung häufig mit Unterstützung für die AfD einhergeht. Ähnliche Ergebnisse wurden in Österreich, Schweden und Australien festgestellt, wo nationale und rechtspopulistische Bewegungen besonders aktiv auf Plattformen für Online-Nachrichten, Messengerdiensten und sozialen Medien sind. 

In puncto Nachrichtenkonsum sind die Ergebnisse generell gemischt: Obwohl mehrere der untersuchten Studien gezeigt haben, dass soziale Medien und Suchmaschinen zu einem diversifizierten Nachrichtenkonsum führen, gibt es viele Belege, wie soziale Medien und Messengerdienste sogenannte „Echokammern“ produzieren, wo sich Gleichgesinnte treffen, um Vorurteile zu bestätigen und auch Hass und Hetze zu verbreiten. 

Weitere Forschung nötig, um kausale Zusammenhänge zu identifizieren

„Unsere Recherche zeigt deutlich, wie unterschiedliche Datentypen, zum Beispiel Kommentare in sozialen Medien und Daten aus sozialen Netzwerken, zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen können“, sagt Oswald. So scheint das Phänomen von Echokammern in jenen Studien viel ausgeprägter zu sein, die sich mit Daten aus sozialen Netzwerken befassen. Andererseits hat sich die Mediennutzung vieler Menschen auch diversifiziert, da sie durch das Internet regelmäßig Quellen und Informationen konsumieren, die sie ohne Online-Angebote nie erreichen würden. Daher sei es notwendig, verschiedene Arten von Daten zu untersuchen, um den Einfluss von digitalen Medien auf die Demokratie zu verstehen, so die Autor:innen.

„Der wohl wichtigste Beitrag unserer Übersichtsarbeit ist, dass sie den Stand des Forschungsbereichs zur Nutzung digitaler Medien und ihrer Wirkung auf politische Systeme klar beschreibt“, so Oswald. Die Forschung liefert in diesem Bereich wenig kausale Belege, bezieht sich hauptsächlich auf die USA und basiert vor allem auf Korrelationen von Mediennutzung und Selbstauskunft zu politischen Ergebnissen“, so Oswald. Es sei deswegen schwer zu sagen, warum die Nutzung digitaler Medien beispielsweise mit einer höheren politischen Polarisierung verbunden ist. So sei es schwer treffsicher festzustellen, ob Menschen mit extremen Ansichten aktiver soziale Medien nutzen als andere oder ob die Nutzung von sozialen Medien die Akzeptanz extremer Ansichten beschleunige. „Obwohl wir in diesem Bereich keineswegs im Dunkeln tappen, wie oft von Online-Anbietern behauptet, brauchen wir dringend mehr Belege für diese Warum-Fragen", so Lisa Oswald.

Sie finden den Volltext im Fachmagazin Nature Human Behaviour (auf Englisch).

Die Hertie School in Berlin bereitet herausragend qualifizierte junge Menschen auf Führungsaufgaben im öffentlichen Bereich, in der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft vor. Sie bietet Masterstudiengänge, Executive Education und Doktorandenprogramme an. Als universitäre Hochschule mit interdisziplinärer und praxisorientierter Lehre, hochklassiger Forschung und einem weltweiten Netzwerk setzt sich die Hertie School auch in der öffentlichen Debatte für „Good Governance“ und moderne Staatlichkeit ein. Die Hertie School wurde 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründet und wird seither maßgeblich von ihr getragen. Sie ist staatlich anerkannt und vom Wissenschaftsrat akkreditiert. www.hertie-school.org

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